Stephan Blezinger

Meisterwerkstätte für Flötenbau


Die Griffweisen
 

Es gibt verschiedene Griffweisen Standards, von denen einige bei meinen Instrumenten Verwendung finden. Daneben gibt es mehr oder weniger deutliche individuelle Abweichungen für einzelne Instrumententypen.


Die einzelnen Standardgriffweisen:

Die deutsche Griffweise

Diese von Peter Harlan in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts entwickelte Griffweise fand lange Zeit vor allem im deutschsprachigen Raum für einfache Blockflöten Verwendung. Ihrem guten scheinbaren Vorteil, die vierte Stufe (f bei der Sopranflöte) ohne Gabelgriff spielen zu können, stehen gravierende Nachteile bis hin zur faktischen Unspielbarkeit einzelner Töne gegenüber. Deswegen findet diese Griffweise seit langem keine Anwendung mehr für Blockflöten gehobenen Anspruchs. Ich verwende diese Griffweise grundsätzlich nicht.

 

Die barocke (englische) Griffweise

Trotz ihres Namens ist auch diese Griffweise ein Kind des frühen 20. Jahrhunderts. In England von Carl Dolmetsch entwickelt, erlaubt sie das Spiel der gesamten Grundskala mit allen wichtigen Halbtönen, ohne einzelne Löcher halb decken zu müssen. Diese Griffweise wird heute von so gut wie allen halbwegs anspruchsvollen industriell hergestellten Blockflöten verwandt und hat sich auch im Unterricht allgemein durchgesetzt. Bei meinen Instrumenten findet diese Griffweise Verwendung bei allen spätbarocken Instrumenten in 440 Hz sowie, falls nicht anders gewünscht, bei den spätbarocken Instrumenten in anderen Stimmungen (415 Hz und andere); bei diesen gibt es jedoch in Einzelfällen leichte Abweichungen.

 

Die historische Griffweise

Blockflöten wiesen in der Vergangenheit häufig im Detail unterschiedliche Griffweisen auf, die jedoch meist eines gemeinsam hatten: Anders als bei der modern-barocken Griffweise wird die vierte Stufe (f bei der Sopranflöte) in der unteren Oktave mit einer einfachen Gabel (ohne den kleinen Finger) gespielt, in der oberen Oktave deckt der rechte Ringfinger das Tonloch nur halb. Die erhöhte vierte Stufe (Sopran: fis) wird unten mit zusätzlichem kleinen Finger, oben zusätzlich ebenfalls mit einem halb deckenden rechten Ringfinger gespielt. Diese Griffe finden wir bei so gut wie allen historischen Blockflöten, von der frühen Renaissance-Flöte bis zum spätbarocken Instrument. Bei manchen anderen Tönen, vor allem im hohen Register, unterscheiden sich die Flöten verschiedener Epochen und Bauweisen natürlich. Abgesehen von Barockflöten in 440 Hz sind alle meine Instrumente zumindest auf Wunsch in historischer Griffweise erhältlich.



 

Die Griffweisen der verschiedenen Modelle im Einzelnen:


Ganassi-Flöten

Meinen Ganassi-Flöten liegt im Wesentlichen die von Sylvestro Ganassi angeführte Griffweise zugrunde. Bis zur hohen Sexte findet die "normale" historische Griffweise Verwendung. Anders als bei vielen überlieferten Originalinstrumenten aus der Renaissance wird die neunte Stufe (Sopran: d) mit geschlossenem linken Mittelfinger gespielt, wie heute allgemein üblich. Darüber hinaus finden die speziellen "Ganassi-Griffe" Verwendung. Diese unterscheiden sich völlig von allen anderen Griffweisen, da sie akustisch einer anderen Systematik gehorchen. Eine Darstellung der Ganassi-Griffweise finden Sie hier.

 

Frühbarock-Flöten

Diese Instrumente biete ich grundsätzlich in der historisch-barocken Griffweise an, analog zu den meisten Originalen. Das dritte Register funktioniert grundsätzlich mit denen von der barocken Griffweise vertrauten Griffen, wobei vor allem bei Sopran- und Altflöten Alternativgriffe möglich sind, die die Ansprachesicherheit verbessern. So lässt sich zum Beispiel die Ansprache der Doppeloktave (Sopran: c) oft deutlich verbessern, wenn man den linken Ringfinger zusätzlich schließt und dafür den rechten Mittelfinger halb öffnet. Der Ton darüber (Sopran: d) spricht oft besser an, wenn links statt des Zeigefingers der Mittelfinger geschlossen wird. Einzelne Halbtöne benötigen im Einzelfall leicht unterschiedliche Griffvarianten, teilweise mit Halbdeckungen, die sich durch Probieren leicht herausfinden lassen.

 

Hochbarocke Flöten in 440 Hz

Die Griffweise dieser Instrumente ist praktisch immer mit der modern-barocken identisch. Natürlich hat jedes individuelle Modell seine kleinen Eigenheiten, die man als geübter Spieler selbst schnell herausfinden wird. Wie bei praktisch allen (in der Regel kurzmensurierten) Barockflöten ist auch bei diesen Instrumenten das fis (Altflöte) der 3. Oktave nicht mit normalen Griffen spielbar, sondern nur mit Abdecken des Endlochs am Fuß. Das hohe g (Alt) ist, insbesondere bei der Flöte nach Denner, mit Abdecken des letzten Lochs (Kleinfinger) zu spielen.

 

Hochbarocke Sopran- und Altflöten und Voice-Flutes in 415 oder 392 Hz

In der Regel stimme ich diese Instrumente auf modern-barocke Griffweise ein und statte sie mit Doppellöchern für die unteren Halbtöne aus. Abweichend von den modernen Griffweise-Standards muss man bei diesen Instrumenten meist die erniedrigte Septim der 2. Oktave (Sopran/Tenor: hohes b, Alt: hohes es), mit zusätzlich teilweise oder ganz abgedecktem letzten Tonloch (Kleinfinger) spielen, da es sonst zu hoch ist. Dieser Griff ist auch bei fast allen barocken Originalen zu finden. Das hohe g (Altflöte) ist ebenfalls meist mit letztem Finger (ganz oder halb) zu spielen, und für das hohe fis (Alt) gilt das gleiche wie bei den "hohen" Flöten: Es geht nur mit Abdecken des Endlochs.

Bei der Voice-Flute muss man das hohe gis (erhöhte 4. Stufe) in beiden Oktaven ggf. mit dem Kleinfinger (Fußloch) etwas "abdunkeln", wenn es zu hoch erscheint.

Auf Wunsch stimme ich diese Instrumente auch in historischer Griffweise ("Hotteterre-Griffweise"), ggf. mit Einfachbohrung anstatt Doppellöchern. Bei dieser Griffweise muss man bei mehreren Tönen mit Halbdeckungen arbeiten (siehe oben). Speziell für das hohe cis (Altflöte) gilt: Wie bei den barocken Originalen ist es mit dieser Griffweise  ein sehr heikler Ton, der eigentlich nur durch teilweises Öffnen des rechten Zeigefingers klar zu spielen ist – er ist ein wenig "tricky".

 

Tenorflöte in 415 Hz nach italienischem Vorbild

Für diese Instrumente gilt im Wesentlichen das Gleiche wie für die Altflöten (s. o.). Zusätzlich muss, auch bei moderner Griffweise, für beide Töne fis das Fußloch (Kleinfinger) halb abgedeckt werden, da es sonst zu hoch wäre. Dies war ein Kompromiss bei der Umstellung auf die moderne Griffweise, der mir erlaubte, auf allzu weitreichende Änderungen am Konzept dieses hervorragenden Originalinstruments zu verzichten.

 

Bassflöte in 415 Hz nach J.Chr. Denner

Dieses Instrument biete ich wahlweise in historischer oder modern-barocker Griffweise an, jedoch immer nur mit Einfachbohrung und einer Fußklappe. Ein tiefes fis ist daher auf diesem Instrument nicht möglich. Ansonsten ist, obwohl das Mittelstück keine Klappen aufweist, das Spiel mit Standardgriffen bis hin zum hohen g möglich.